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Seltsame Lichter

Seltsame Lichter


Fabi und Frederick gingen aufgeregt, aber auch ein bisschen müde, nach Hause. Obwohl draußen an der frischen Luft, konnten beide den Muff des alten, verlassenen Hauses in ihrer Kleidung riechen. Fabi's Elternhaus war schon in Sichtweite, als Frederick stehen blieb: "Soll ich noch mit reinkommen". Fabi schaute nach unten, zur Seite. "Es ist schon spät...". Schweigen. Frederick sah ihn an: "Du Fabi, es tut mir wirklich sehr leid, was ich zu dir vorhin gesagt habe. Das weißt du doch, oder?". Kurze Pause. "Ja, ich weiß", sagte Fabi. "Wir müssen das nicht mehr diskutieren, du hast dich doch vorhin schon entschuldigt". "Ja, ich weiß, aber trotzdem...".

Fabi schaute schweigend auf die Straße. Dann sah er auf, schaute in die Ferne zum kleinen Wäldchen. "Es wird dunkel" sagte er. Die Sonne stand dunkelrot direkt über dem Horizont, ein Hauch von Feuchtigkeit lag in der Luft und der Wind frischte fast unmerklich auf. "Gehen wir morgen denn nun wieder hin?" fragte Frederick. Er meinte damit das alte Haus, das Fabi und er den ganzen Tag erkundet hatten. Ursprünglich wollten sie nur einen Ball holen, den Fabi versehentlich in eines der Kellerfenster geschossen hatte. Doch dieser Fehlschuss wurde für die beiden zum Abenteuer; es ist einfach toll, alte, verlassene Häuser zu erkunden! Inmitten dieses Abenteuers kam es zum Streit zwischen den beiden. Der Auslöser war eher unwichtig und obwohl sich beide wieder vertragen hatten, wurde Frederick sein Schuldgefühl nicht los.

Fabi sah Frederick an und lächelte: "Weißt du was? Ich hab noch was viel Besseres als das alte Haus!" Seine Augen strahlten. Frederick sah ihn nur fragend an. "Weißt du, was in dem Wäldchen da drüben ist?" fragte Fabi, zeigte auf den Wald in der Ferne und sah Frederick erwartungsvoll an. "Nein" entgegnete Frederick kurz. Fabi sah ihn an. Frederick runzelte die Stirn: "Machs nicht so spannend!". Fabi beugte sich nach vorne und flüsterte: "In dem Wald ist ein verwunschener Friedhof!" Nun wurde der Blick von Frederick sehr kritisch und seine Stirn runzelte sich noch mehr: "Wie kommst du denn darauf? Ungläubig schaute er Fabi von der Seite an. Fabi fuhr unbeirrt fort: "Es wird gesagt, dass es auf diesem Friedhof spuken soll! Wenn das wahr ist, möchte ich mich selbst davon überzeugen!" Er machte eine Pause, wohl auf eine Reaktion Fredericks wartend. Doch der reagierte nicht.


Fabi sah Frederick von der Seite an: "Kommst du morgen mit? Wir gehen hin, ok?" Frederick stutzte: "Wann denn? Doch wohl nicht Abends, oder?" Nun sah Fabi Frederick fast mitleidig an: "Müssen wir das Ganze jetzt wieder durchgehen wie bei dem alten Haus? Glaubst du, die Geister kommen tagsüber aus ihren Gräbern?! Das geht nur Nachts!" "Das geht nicht" warf Frederick kurz ein "Meine Eltern..." Fabi ging einen Schritt zurück und schwieg. Dann verschränkte er die Arme und sah Frederick schräg an. Dabei kniff er leicht seine Augen zu, als wolle er angestrengt nachdenken. "Was ist?" fragte Frederick verwundert und bekräftige sofort: "Es geht nicht, wie soll ich nachts aus dem Haus, außerdem ist das viel zu gefährlich!" "Also doch die gleiche Laier wie beim Haus oder?" entfuhr es Fabi. Wieder machte er eine Pause, als wolle er nun einen langen Vortrag halten: "Frederick, hast du schonmal jemanden getroffen, der einen Geist oder etwas Übernatürliches gesehen hat?" "Nein." stellte Frederick spontan fest. Fabi fuhr fort: "Und woran liegt das? Weil jeder sagt 'ach, ich will auch mal einen Geist sehen' aber dann kneift jeder und sagt 'das ist ja viel zu gefährlich, das geht nicht, da passiert mir was und außerdem gibts Geister ja sowieso nicht' und so weiter und so weiter!" "Ja und?" Frederick schien unbeeindruckt." Fabi berührte wohlwollend Fredericks Schulter: "Darum werden Geister nie oder selten gesichtet! Niemand traut sich, wenns drauf ankommt, ich aber schon! Ich will sie sehen!" Er nahm die Hand von Fredericks Schulter und stieß ihn leicht provokativ weg von sich: "Wenn du nicht willst, dann gehe ich eben alleine!"
 

Frederick sah ein, dass es keinen Sinn machte, weiterhion Bedenken an der von Fabi gelanten Aktion zu äußern. Wenn er nicht mitkäme, würde Fabi ihn für einen Feigling halten und vermutlich würde sich Frederick auch sehr ärgern, wenn Fabi ihm am nächsten Tag stolz berichten würde, dass er wirklich etwas Unheimliches und Spannendes gesehen hätte. So überlegte er kurz: "Wann wird es ungefähr dunkel?". Fabi überlegte: "Naja, jetzt dämmert es schon ein bisschen. In einer Stunde müsste es ziemlich dunkel sein, oder?" Frederick schaute zum Horizont: "Ja, schätze ich auch." Nach einer Pause fuhr er fort: "Können wir das nicht einfach spät Abends machen oder so?" Erwartungsvoll sah er Fabi an. "Dann bräuchten wir nicht Nachts aufstehen und uns aus dem Haus schleichen..." Etwas erleichtert sah Fabi Frederick an und lächelte, denn nun war klar, dass Frederick auf jeden Fall mitkommen würde. Im Grunde hatte Fabi ein bisschen Angst, alleine dort hin zu gehen, aber nun war alles nur noch eine Frage des Timings. Fabi riss sich schnell aus seinen Gedanken und lächelte Frederick zustimmend an: "Ja, das ist schwierig... aber wir müssen uns sowieso aus dem Haus schleichen; oder meinst du, unsere Eltern würden uns erlauben, Nachts oder auch nur Abends in der Dunkelheit auf den Friedhof oder sonstwo hinzugehen?" Beide schauten sich mit großen Augen nachdenklich an. Frederick brach das kurze Schweigen: "Also müssen wir doch warten, bis unsere Eltern schlafen, oder?". "Wird das Beste sein" bestätigte Fabi.

Die beiden Freunde setzten schweigend ihren Weg nach Hause fort. Jeder schien sich eine Strategie zu überlegen, nachts möglichst geräuschlos und unauffällig das Elternhaus zu verlassen. Geht man da einfach durch die Haustür oder nimmt man doch besser das Fenster? Quietscht eine Tür? Wann gehen die Eltern schlafen und wann schlafen sie wirklich? Welche Ausrede sollte man parat haben, wenn sie doch was mitkriegen und einen ausfragen. Eines war für beide schnell sicher: Würde einer von beiden erwischt, wäre der andere mit Sicherheit auch dran. Denn auch wenn einer den anderen nicht verraten würde - die Eltern würden es doch irgendwie rauskriegen!


Während beide den Weg immer noch schweigend fortsetzten, sah sich Fabi irgendwie in der Verantwortung, noch irgendetwas Zustimmendes zu sagen, um dem Ganzen eine positive Note zu geben. Zunächst wusste er nicht so recht, was er sagen sollte, dann entfuhr es ihm doch eher spontan: "Ich weiß das ist alles etwas schwierig, Frederick und ein bisschen Risiko ist natürlich dabei. Aber das macht das Ganze doch noch spannender! Denk mal, wir können unseren Kindern und Enkeln später mal davon erzählen!". Frederick schmunzelte. Soweit wollte er gar nicht denken, stimmte aber daringehend mit Fabi überein, dass die Spannung tatsächlich noch größer war. Der Reiz des Verbotenen! Um Himmels Willen, wie lange würden die beiden Hausarrest bekommen, wenn es nicht klappen würde! Fabi wurde beim Nachdenken auch klar, dass er derjenige von beiden war, der hier die größere Verantwortung trug. Schließlich hat er Frederick dazu überredet. Er schaute Frederick an: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!" Damit wollte er Frederick und sich selbst Mut machen und ein bisschen funktionierte es sogar - zumindest stellte er das bei sich selbst fest.

***

Zuhause. Fabi saß in seinem Zimmer und schaute aus dem Fenster. Ein bisschen mulmig war ihm nun doch zumute, während er feststellte, dass es nun doch schneller dunkel wurde, als er es wollte. Während des gesamten Abends hatte er kaum mit seinen Eltern gesprochen, ist nach dem Abendbrot schnell auf seinem Zimmer verschwunden. Und wo war eigentlich seine Taschenlampe? Und seine schwarze Mütze? Etwas missmutig musste er feststellen, dass er bei der Rauferei auch seinen Ball im alten Haus liegen gelassen hatte. Deswegen waren Frederick und er doch eigentlich dort gewesen. "Na toll, Geister entdecken wollen, aber nichtmal auf die einfachsten Dinge aufpassen können!" sagte er zu sich verärgert. Doch sein Ärger konnte die Spannung nicht bezwingen, die mehr und mehr die Oberhand über ihn gewann, je später es wurde. Wieder der Blick zum Fenster. Dunkelheit. Ein Blick auf die Uhr. Sollte er noch schlafen gehen? Die Uhrzeit und der Treffpunkt waren klar: 'Um 1 Uhr am kleinen Wäldchen bei der letzten Laterne!'. Dieser Satz von Frederick schien fest in Fabi's Gehirn eingebrannt zu sein. Er sagte sich diesen Satz immer wieder, wohlwissend, dass er ihn ganz sicher nicht vergessen würde.


Blick aus dem Fenster. Im Haus wurde es still. Der Sekundenzeiger der Uhr schien immer lauter zu ticken. Wie spät war es jetzt? Och manno, erst 22:57 Uhr, was sollte er nun die ganze Zeit noch machen? Fabi konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. Stille. Ticken. Fabi versuchte angestrengt zu lauschen, ob sich im Haus noch etwas tat. Sein Zimmer war im ersten Stock, das Schlafzimmer der Eltern war glücklicherweise im Erdgeschoss. Fabi horchte: Waren Papa und Mama schon im Bett? Er hörte die Badezimmertür - ein gutes Zeichen! Die Mutter rief ein kurzes "Gute Nacht, Fabi!" die Treppe rauf. Dann schloss sich die Schlafzimmertür. Papa war schon im Bett. Er ging immer früher als Mama. Er musste arbeiten und stand immer sehr früh auf - auch an den Wochenenden und sogar im Urlaub. Fabi konnte das nicht verstehen. 'Wieso schläft er nicht einfach auch mal länger?'. Er würde das nie tun. Freiwillig früh aufstehen? Niemals, dafür war sein Bett viel zu warm und gemütlich. Besonders an kalten Tagen liebte Fabi es, länger im Bett zu liegen. Am besten konnte er schlafen, wenn es draußen stürmte. Sogar Gewitter machten ihm nichts aus, er hörte meistens nicht mal den Donner. Er schlief einfach weiter. Kalte Luft, offenes Fenster, so musste es sein!

23:11 Uhr. Um Himmels Willen, verging die Zeit denn überhaupt nicht? Fabi legte sich auf sein Bett. Er würde schon nicht einschlafen, schließlich war er schon öfter lange aufgeblieben und morgen könne er ja ausschlafen.

Doch was war das? Er fühlte mit seinen Händen das Bett, auf dem er lag. Es war auf einmal steinhart! Sein Rücken war eiskalt und schmerzte von dem harten Bett. Über sich sah er die Sterne, obwohl er doch im Zimmer lag und auch das Licht brannte. Die Lampe war jedoch weit weg und ihr warmes Licht nicht erreichbar - denn Fabi, so merkte er gerade mit einem Schaudern, konnte nicht aufstehen! Es musste ein großer, kalter Stein oder etwas ähnliches sein, worauf er lag. Der dunkle Himmel schien sich irgendwie zu öffnen und die Kälte nahm regelrecht Besitz von seinem Körper. Er war nur noch starr vor Schreck und konnte nicht sprechen, sogar das Bewegen der Augen fiel ihm schwer. Dennoch schaffte er es irgendwie, nach vorne zu schauen. Am Himmel stand der Mond - groß, kalt und bleich. Ein Schatten davor. Was war es? Kaltes Entsetzen durchfuhr ihn, als er ahnte, was es war: Ein massiver, schwarzer Grabstein! Dieser schien sich vor Fabi regelrecht zu erheben, wurde immer größer. 'Wird er auf mich drauffallen?' dachte Fabi und war gelähmt vor Angst!

Plötzlich Musik! 'Irgendwie tröstlich', dachte Fabi, doch wo war diese Musik, die immer lauter wurde. Fabi schlug die Augen auf und atmete tief durch. Er brauchte einen Moment. Er drehte den Kopf nach rechts und schaute auf seinen Radiowecker. Fabi schloss die Augen und atmete nochmals erleichtert auf: "Oh man, der Wecker!" flüsterte er. Fabi hatte geträumt! Welche Weckzeit hatte er eigentlich eingestellt? Nochmal schaute er auf den Wecker: Es war 0:41 Uhr, jetzt musste er ubedingt los, wenn er sich rechtzeitig mit Frederick am Wäldchen treffen wollte! Fabi schaute verschlafen aus seinem Fenster in die dunkle, kalte Nacht; am liebsten wäre er im warmen Bett geblieben und fast bereute er es, Frederick den Vorschlag mit dem alten Friedhof überhaupt gemacht zu haben. Als ihm dann aber wieder einfiel, wie spannend das eigentlich war, wurde Fabi hellwach! Er losch das Licht in seinem Zimmer und öffnete leise die Tür. 'Jetzt bloß nicht stolpern oder irgendwas umwerfen!' dachte er sich. Fabi lauschte. Im Haus war kein Geräusch zu hören. Er schlich die Treppe hinunter. Wo war jetzt die verflixte Taschenlampe von Papa? Fabi schaute sich ein wenig hilflos in der Dunkelheit um. Ihm war klar, dass er keine Ahnung hatte, wo die Taschenlampe sein könnte und das Suchen danach ziemlich aussichtslos war. Seine eigene hatte er ja im alten Haus vergessen, also was nun? Nach kurzem Suchen gab er auf. Wozu würden Frederick und er auch einen Taschenlampe brauchen? 'Geister lassen sich nicht einfach anleuchten' dachte sich Fabi. Mit dieser Feststellung gab er sich zufrieden.

Als Fabi an der Schlafzimmertür seiner Eltern vorbeischlich, hörte er ein leises Schnarchen. 'Das ist Papa' dachte Fabi sofort. Er konnte nie verstehen, wie Mama bei diesem permanenten, sich scheinbar unendlich wiederholenden Geräusch überhaupt schlafen konnte, aber um solche Gedanken zu vertiefen, war jetzt keine Zeit.
 Fabi öffnete leise die Haustür - das war eine besondere Herausforderung, dann die Tür war alt und knarrte bisweilen gerne! 'Ein bisschen wie im Film...' Fabi schmunzelte. Zum Glück blieb das Knarren aus, denn Fabi war auch wirklich sehr vorsichtig. Fabi fühlte kurz an seine Hosentasche - den Hausschlüssel hatte er, also los!

***

Kühle Nachtluft schlug Fabi entgegen. Kühl und feucht. 'Irgendwie ungemütlich', dachte Fabi, doch er musste jetzt los. Dunkelheit. An der Ecke eine Laterne. Die Straße war menschenleer, nicht mal ein Auto war zu hören. Leichter Wind. Die Fenster der wenigen Häuser in der Straße starrten ihn schwarz und trostlos an. Kein Licht. Es schien wirklich niemand mehr wach zu sein. Zum Glück sorgten die Straßenlaternen dafür, dass es nicht stockduster war. Die Straße machte eine Kurve, dahinter waren keine Häuser mehr. Auch die Straße war dort schmaler und wurde immer mehr zum Schotterweg. Erst jetzt nahm Fabi bewusst das Zirpen der Zikaden wahr. Nach der Kurve am Ende der Häuserreihe wurden auch die Laternen kleiner und standen weiter auseinander. Ihr Licht war nicht so hell wie das der anderen Laternen.


Die Zikaden wurden lauter, in der Ferne ein Kauz. Das Gebüsch, das am Rande des Weges nur schemenhaft zu erkennen war, schien immer dichter an den mittlerweile recht schmalen Schotterweg zu rücken; teilweise wurden sogar die Laternen davon verdeckt. Diese schienen sich regelrecht gegen die immer mächtiger werdende Natur wehren zu wollen. 'Es ist ein Spiel auf Zeit' dachte Fabi. Irgendwann würden die Büsche diese Laternen komplett überwuchert haben, wenn niemand etwas dagegen unternahm.

Langsam wurde es Fabi unheimlich. So weit sah der Weg zum kleinen Wäldchen bei Tage gar nicht aus. Und würde Frederick auch dort sein? Fabi ergriff ein kurzes Schaudern, als er daran dachte, dort gleich vielleicht alleine zu stehen. Er musterte den dunklen Schotterweg entlang der Laternen: Wo war doch gleich die letzte Laterne? Bald musste sie kommen. Noch während Fabi in Gedanken versunken war, sah er eine schemenhafte Gestalt, die sich in der Ferne im schwachen Laternenlicht abzeichnete. Frederick! Ein Glück, er war da und hatte nicht verschlafen!

Fabi ging schneller; er winkte Frederick und dieser winkte zurück. Beide sagten aber nichts, da dies ja eine ganz geheime Aktion war und niemand sie hören sollte. Fabi rannte schon fast, so freute er sich! Bei Frederick angekommen, konnte er nun auch endlich dessen Gesicht im Laternenschein sehen.


Noch ehe Frederick etwas sagen konnte, sprudelte es aus Fabi regelrecht heraus: "Ich bin ja so gespannt!" "Und ich erst!" gab Frederick spontan zurück. Alles Unheimliche war zunächst verflogen und auch die Dunkelheit schien beide nicht mehr zu stören. Es ist halt schon ganz was anderes, so eine spannende Aktion zu zweit zu erleben. Nach dem die erste Freude verflogen war, sahen sich die beiden an: "Ich habe schon befürchtet, dass du eingeschlafen bist!" sagte Frederick. Fabi winkte ab: "Ich doch nicht!" Er machte eine zweifelnde Geste: "Bei dir hätte ich das eher vermutet. Also los, lass uns gehen, ich kenne den Weg!". Kaum hatte er das ausgesprochen, bereute er seinen Tatendrang fast schon wieder, denn sein Blick fiel jenseits der Laterne auf den dunklen, bedrohlich wirkenden Wald, der sich wie eine große schwarze Wand vor den beiden aufbaute. "Du gehst vor!" sagte Frederick sofort. "Natürlich, muss ich ja auch!". Fabi wollte sich natürlich vor Frederick nicht anmerken lassen, dass ihm mulmig zumute war. Es war stockdunkel, selbst der Mond hatte sich teilweise hinter den Wolken versteckt. Nur ein trüber, schwacher Lichtschein war an der Stelle zu erahnen, wo der Mond sein musste. Am Horizont waren ein paar Sterne zu sehen. Fabi zögerte. Frederick, der ahnte, was in Fabi vorging, versuchte, ihm Mut zu machen: "Die Wolken ziehen bestimmt gleich weiter und dann kommt der Mond raus." Fabi drehte sich zu ihm um und schmunzelte: "Komm, wir gehen einfach los!".

Immer näher kamen die beiden Jungen dem Wald. Je größer und bedrohlicher sich die schwarzen Bäume aufbauten, umso mehr Zweifel nagte an Fabi, ob er den alten Friedhof überhaupt finden würde. Wenn es nicht so verflixt dunkel gewesen wäre, waren die Umstände eigentlich perfekt, denn es war in dieser Nacht warm, windstill und kein Mensch weit und breit zu sehen. Fabi blieb stehen und lauschte: "Hörst du das?" Frederick spitzte angestrengt die Ohren. Nach einer Weile runzelte er die Stirn und sah Fabi ungläubig an: "Meinst du die Schnellstraße?". Fabi seufzte leise und verdrehte genervt die Augen: "Na super, soviel zum Thema Mystik!" flüsterte er. "Wir sind nachts im Wald und du hörst nichts anderes, als eine Schnellstraße!" "Was soll ich denn hören?" spottete Frederick. "Hör doch mal richtig!" Fabi flüsterte nun sehr geheimnisvoll und breitete die Arme aus. Seinen Kopf leicht nach oben geneigt, flüsterte er weiter: "Hör doch mal!" Beide waren still. Je länger die beiden am Rande des Waldes standen und in diesen hineinlauschten, desto mehr konnte nun auch Frederick verstehen, was Fabi meinte: In der Ferne war ein Kauz zu hören - oder waren es zwei? Hin und wieder ein leichter, kaum wahrzunehmender Lufthauch. Wind konnte man das nicht nennen, aber die beiden spürten die nächtliche Waldluft. "Atme tief ein und rieche" versuchte Fabi weiter Frederick zu unterstützen. Stille. Ein kurzes Rascheln in der Ferne. "Das ist bestimmt eine Maus oder sowas!" flüsterte Fabi.

"Ok, gehen wir jetzt weiter?" unterbrach Frederick diesen von Fabi inszenierten mystischen Moment. Fabi sagte nichts und beide setzen langsam den Weg fort, der sie immer tiefer in den Wald führte. Eigentlich war es nur ein relativ kleines
Wäldchen, aber in einer so dunklen Nacht, wo man kaum etwas sehen konnte, wirkte alles viel größer und weitläufiger. Fabi sah sich immer immer wieder nach allen Seiten um - nicht weil er Angst hatte, sondern weil es äußerst anstrengend war, den Waldweg nicht aus den Augen zu verlieren. Den Weg selber konnte er gar nicht oder nur teilweise erkennen, also musste er andere Anhaltspunkte suchen, um sich nicht zu verirren. Eine Weile gingen beide schweigend hintereinander her. Dann wurde Fabi langsamer, beugte sich leicht nach vorne und versuchte, in der Dunkelheit etwas Bestimmtes zu erkennen. Dann wurde es etwas heller; der Mond, der sich seinen Weg durch die Wolken ein wenig freigekämpft hatte, unterstützte mit seinem bleichen Licht. Es war, als ob ein weit entfernter Freund eine Art Gruß schickte: 'Ich bin bei euch!'. Fabi atmete erleichtert auf, schmunzelte und deutete auf eine Stelle im Wald: "Siehst du das?" Frederick starrte angestrengt an Fabi vorbei in den Wald. War das ein Tor? Langsam gingen sie näher heran. Frederick zweifelte noch, aber Fabi erkannte es genau. Schließlich war schon einmal hier gewesen und konnte sich an die Form des Tores und den Eingangsbereich genau erinnern.

"Irgendwie riecht es muffig hier!" entfuhr es Frederick. "Ja genau!" flüsterte Fabi und deutete mit einer Handbewegung an, leise zu sprechen. Ein bisschen widerwillig fuhr Frederick flüsternd fort: "Wer soll uns denn hier hören, wir sind mitten im Wald!" Fabi schaute sich zu ihm um: "Na, die Toten, wer denn sonst!". Frederick schwieg. Wieder so eine Phantasiegeschichte, dachte er. Grundsätzlich war Frederick immer für Fabis scheinbar grenzenlose Phantasie zu haben, aber manchmal ging es ihm auch zu weit. Natürlich können einen die Toten nicht hören, dachte er. Aber Fabi bringt sowas immer so ernst rüber, dass sich Frederick selbst dabei ertappt, diese und ähnliche Dinge fast zu glauben. Wenn Frederick ehrlich zu sich selber war, musste er aber auch einfach zugeben, dass durch Fabis Geschichten die Spannung nur noch mehr stieg. Was spielte es schon für eine Rolle, ob einen die Toten hören konnten oder nicht?

Frederick schwieg. Auch Fabi sagte nichts. Nur die Tritte der beiden auf dem etwas feuchten, tiefschwarz wirkenden Waldboden waren leise zu hören. Fabi blieb stehen und drehte sich zu Frederick um: "Du glaubst mir nicht, oder?" "Was soll ich glauben?" fragte Frederick leicht irritiert. "Du wirst schon sehen..." Fabi ging weiter. Nun stand das Friedhofstor groß sichtbar vor den beiden Jungen. Es stand einen kleinen Spalt auf. "Da passen wir durch!" flüsterte Fabi sofort und stand bereits auf der anderen Seite. Durch die Gitterstäbe des Tores sah er zu Frederick hinüber: "Na los, komm schon!". Frederick zögerte kurz, folgte Fabi dann aber nach.

Auf dem Friedhof schien auf einmal alles noch etwas dunkler zu sein als vorher, doch Fabi hatte bereits die Erklärung dafür: "Wir stehen hier fast direkt unter den größten Bäumen des Friedhofes! Wir müssen weiter nach hinten gehen, dann wir es heller! Ein paar Schritte weiter lichtete sich das Baum- und Buschwerk dann tatsächlich. Der Mond, als hätte er die Gedanken der beiden Freunde gelesen, kam etwas mehr hinter den schwarzen Wolken hervor und gab den Blick auf das verwilderte, verlassene Gelände frei. Langes Gras überall, teilweise verdorrt. Alte, knorrige, etwas bedrohlich wirkende Bäume, die sicher eine Menge Geschichten aus alter Zeit hätten erzählen können. Windstille. Raschelte da etwas? Nein, hier war gar nichts. Fabi und Frederick standen einfach nur da und sahen sich um. Beide mutterseelenallein auf diesem alten Friedhof. Immerhin hatten sie es schonmal geschafft, hierzukommen - das hätte sich bestimmt nicht jeder getraut! Fabi schaute nach oben zum Mond. Es schien, als wollte er diesem fernen, aber altbekannten stummen Freund dafür danken, dass er da war und auf die beiden Abenteurer aufpasste. Frederick war der Erste, der das Schweigen brach: "Hier ist aber schon lange keiner mehr gewesen." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Wo sind denn die Gräber, ich sehe hier keine Grabsteine?" "Weiter hinten!" entgegnete Fabi sofort. "Wir müssen weitergehen!"

Es ging leicht bergauf. Hinter der kleinen Anhöhe wurde die Sicht auf die ersten Grabsteine frei. Fabi ging langsamer und deutete mit dem Finger auf das düstere Gräberfeld. Beide schauten angestrengt in die Dunkelheit. Frederick flüsterte noch leiser als vorher: "Das sind aber sehr alte Gräber!" "Ja klar!" entgegnete Fabi. "Was hast du denn gedacht? Die Toten sind schon so lange tot, dass diejenigen, die sie beerdigt haben, wiederum selber vor langer Zeit beerdigt wurden." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Niemand kennt diese Toten mehr. Sie wurden vergessen, genau wie dieser Friedhof!". Wieder schweigen. Frederick schien darüber nachzudenken, was Fabi gesagt hatte. "Und wo sind jetzt die Geister?" fragte Frederick. Etwas tiefsinnigeres fiel ihm in diesem Moment nicht ein. "Ich habe nichts von Geistern gesagt!" Fabi wirkte ohne Zweifel nun sehr belehrend und erfahren: "Ich habe gesagt, dass es hier spuken soll, das müssen nicht unbedingt Geister sein, wie du sie dir vorstellst." Fabi war in diesem Moment ein wenig über sich selber überrascht, dass er zu dieser Feststellung kam. Doch was gäbe es denn eigentlich sonst noch Gruseliges? "Wir werden sehen" meinte Fabi und versuchte, das Thema damit vorläufig abzuschließen. Es war jetzt viel zu spannend und auch ein wenig zu unheimlich, um darüber zu diskutieren. Schließlich waren sie beide an eben diesem gruseligen Ort und beide wollten schrecklich gerne wissen, was auf diesem alten Friedhof nun vor sich ging.

Fabi und Frederick hockten sich hinter einen großen Grabstein, der aussah, als könne er ein wenig Schutz bieten - vor wem oder was auch immer. "Nun heißt es warten!" flüsterte Fabi noch. Beide sahen sich daraufhin schweigend um, mit den Augen angestrengt in die Dunkelheit spähend und die Ohren gespitzt. Eine ganze Weile saßen die beiden so da. Leichter Wind kam auf, aber es war weiterhin ziemlich warm, eigentlich zu warm für diese Zeit. Wieder der Kauz in der Ferne. Noch einer. Ein Rascheln. In der Ferne das kaum zu vernehmende Rauschen der Schnellstraße.

Die Zeit verging und Fabi überlegte fieberhaft, ob es nicht besser wäre, nochmal ein einer anderen Stelle zu schauen, ob vielleicht irgendetwas passiert. Da an der Stelle, wo die beiden saßen, der Freidhof jedoch recht gut überschaubar war, beließ er es dabei.

Während der schwache Wind nun doch merklich kühler wurde, merkte Fabi, wie in ihm die Müdigkeit aufstieg. Ihm kamen leichte Zweifel zu der ganzen Aktion und er überlegte, was eigentlich konkret passieren sollte, denn bis jetzt hatten beide noch nichts gesehen. Fabi fühlte sich irgendwie verantwortlich, denn immerhin war er derjenige, der Frederick zu diesem nächtlichen Ausflug überredet hatte. Frederick flüsterte Fabi zu: "Wenn man tot ist, ist es aber ziemlich langweilig, wenn man hier rumspuken muss!" Fredericks Kommentar war so stumpf, dass Fabi sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, er sagte jedoch nichts, um die Stimmung nicht gänzlich zu zerstören. "Wollen wir hier sitzenbleiben oder uns eine andere Stelle suchen?" fragte Fabi Frederick, um die Stimmung etwas aufzulockern. Frederick schien nachzudenken, während Fabi aufstand, um einen besseren Überblick über weitere mögliche  Beobachtungpunkte zu bekommen.

Was war das?! Hinter zwei größeren Büschen flackerte plötzlich etwas Bläuliches auf. Fabi machte große Augen und ihm entfuhr fast automatisch, was er bereits vorher dachte: "Was war das?" "Was war was?" fragte Frederick, nun etwas lauter, da er sichtlich gelangweilt und auch müde war. Fabi schwieg. Es schien, als wolle er sich vergewissern, dass er wirklich etwas Ungewöhnliches, Rätselhaftes gesehen hatte. Fabi lauschte, aber es war nichts Besonderes zu hören. Er spähte angestrengt in die Dunkelheit zu der Stelle, an der er das unheimliche Licht gesehen hatte. Fredrick, der immer noch etwas teilnahmslos hinter dem Grabstein kauerte, sah Fabi von unten an und wiederholte leicht genervt seine Frage: "Was war was?!". "Ich habe ein blaues Licht gesehen!" antwortete Fabi, ohne seinen Blick in die Ferne abzuwenden. Frederick stand mit einem leichten Seufzer auf und blickte ebenfalls zu der Stelle, die Fabi nicht aus den Augen ließ. Doch nichts passierte. "Ich glaube, du bis blau!" raunzte Frederick und hockte sich ein wenig lustlos wieder hin. "Nein, ich habe wirklich etwas gesehen!" versuchte Fabi zu überzeugen. "Was denn, ein Grablicht?" spottete Frederick. "Witzbold!" antwortete Fabi nun etwas lauter und drehe sich zu Frederick um. "Müssen wir wieder streiten?" "Nein müssen wir nicht" machte Frederick unmittelbar klar, der nicht wollte, dass der nächtliche Ausflug auf eine unerfreuliche Art und Weise endet. Er nahm sich zusammen und stand auf: "Wo hast du denn was gesehen?" flüsterte er. Fabi zeigte langsam auf das Gebüsch und flüsterte nun wieder sehr leise: "Da vorne!". Beide Freunde beobachteten die Sträucher, die Büsche und die alten Bäume in der Umgebung der Sichtung. "Da!" Fabi schrie fast, so spontan entfuhr ihm dieser Ausruf er zeigte hektisch auf einen schwach bläulich-grünlich schimmernden Schein neben einem dicken, toten Baumstamm. "Wa-Was?!" Frederick machte große Augen, nun hatte er das seltsame Licht auch gesehen. Er schluckte und sah Fabi an, als suchte er Hilfe bei ihm: "Was war das, Fabi?!" Doch Fabi sagte nichts - zu angespannt war er, wollte er doch auf jeden Fall noch mehr von diesem rätselhaften Schauspiel sehen, sofern sich die Gelegenheit dazu bot. Absolute Stille beherrschte nun die Szene, nur das Atmen der Beiden war zu hören und sowohl Fabi als auch Frederick befürchteten, dass auch deren Herzklopfen zu hören sein musste.

"Was war das?" fragte Frederick nochmal, wandte seinen Blick aber dieses Mal nicht von der Sichtstelle des zuvor beobachteten Lichtes ab. Fabi versuchte eine Erklärung und flüsterte so leise, dass Frederick ihn kaum verstehen konnte: "Ich glaube, das ist ein Irrlicht!" Frederick versuchte zu verarbeiten, was Fabi da sagte. "Schon wieder!" Fabi wurde wieder lauter und duckte sich fast hinter den Grabstein, wandte seinen Blick jedoch nicht ab. Frederick tat es ihm gleich. Schweigen. Atmen. Die Lust schien regelrecht bis zum Knistern gespannt. Frederick verlangte es inmitten dieser spannenden Szenerie nach Aufklärung: "Was ist verflixt nochmal ein Irrlicht?" Außer Fabis etwas schnellem, hektischem Atmen erfolgte jedoch keine Reaktion. "Ist das... ist das was Gefährliches?" Frederick wollte es nun ganz genau wissen. Frederick wurde nun sehr unruhig, als er sah, wie in Fabi offensichtlich die Angst aufstieg. Auf seine Frage kam keine Antwort. "Fabi, beruhige dich!" versuchte Frederick auf ihn einzuwirken. "Was passiert hier?". Keine Reaktion.

(...)